„Ich lebe meinen Traum.“ – Ist das wirklich eine seriöse Botschaft?

Daniel Dörrer, gern gesehener Gast in unserem SV ZUKUNFT, ist knapp über vierzig Jahre alt, vielfacher Weltmeister im Kickboxen und lebt auf Phuket in Thailand. Nicht nur vorübergehend, er ist auf der Insel zu Hause. Was er darüber sagt? Genau: „Ich lebe meinen Traum.“

Das ist ein Satz mit Wirkung. Er erzeugt so ungefähr jedes Gefühl zwischen Bewunderung und ungläubigem Erstaunen. Schon oft habe ich mich gefragt, wie unsere Jugendlichen wohl bei längerem Überlegen mit einer derartigen Ansage umgehen. Und: Was kommt eigentlich hoch, wenn wir Menschen uns auf dieses Thema einlassen und zu beantworten versuchen, wie unser ganz persönlicher Traum vom Leben aussieht?

Eine schnelle Antwort darauf wird schwierig sein. Und wer genauer bei Daniel Dörrer hinhört, kapiert schnell: Dieser Traum, von dem er spricht, hat nichts von einem schnellen Impuls, von einer Art Hirngespinst. Nahezu 300 Profikämpfe, ein abgeschlossenes Studium als Lehrer für Deutsch und Sport, jahrelange Seminartätigkeit, ein tragfähiges Standbein in Thailand unter anderem auch als Lehrer – das spricht eine ganz andere Sprache. Seine heutige Lebenssituation ist das Ergebnis von Jahren des Ausprobierens, auch des Scheiterns, des Weitermachens. Nicht ein einziger leichtsinniger Moment, sondern ein langer Prozess.

Wir von SV ZUKUNFT glauben, dass wir alle von Daniel Dörrers Aussage profitieren können. Sie ist eine Einladung an uns herauszufinden, was wir wirklich wollen. 
Wir, nicht andere für uns.
Aber wie finden wir das heraus und wie können wir Menschen bei ihrer Suche unterstützen? 
Der Soziologe Hartmut Rosa hat in dem Zusammenhang einen Begriff geprägt, der uns weiterhelfen kann: Resonanz. Gemeint ist damit eine bestimmte Qualität der Beziehung zwischen einem Menschen und der Welt – ein Zustand, in dem wir nicht nur Eindrücke empfangen, sondern wirklich berührt werden, antworten, uns verändern. Etwas in uns gerät in Schwingung. Wir haben das Gefühl, von etwas angezogen, ja sogar gerufen zu werden. Das Gegenteil davon nennt Rosa Entfremdung. Damit beschreibt er einen Zustand, den viele von uns kennen, ohne ihn benennen zu können: Wir funktionieren, wir tun das Richtige, wir tun, was erwartet wird – aber es berührt uns nicht. Nichts schwingt zurück.

Für die Frage nach dem eigenen Traum bedeutet das: Es geht nicht darum, den absolut perfekten Beruf zu finden oder eine fertige Strategie zu haben. Es geht darum, Resonanzerfahrungen überhaupt erst zu ermöglichen. In echten Kontakt zu kommen – mit Menschen, mit Aufgaben, mit uns selbst. Wer sich dieser Suche nie aussetzt, wird kaum wissen, was wirklich zu ihm passt. Resonanz lässt sich nicht erzwingen, sagt Rosa. Aber wir können Bedingungen schaffen, unter denen sie wahrscheinlicher wird.

Genau das ist, was wir im SV ZUKUNFT versuchen. Wir liefern keine fertigen Antworten, sondern wir schaffen Raum, wir ermöglichen Begegnungen – mit Menschen wie Daniel Dörrer, aber auch mit sich selbst. Denn der Weg zu einem erfüllten Leben beginnt nicht mit einem großen Masterplan. Er beginnt mit der Bereitschaft hinzuschauen.

Wir nutzen sehr gerne Fragen, um uns an Themen anzunähern, zum Beispiel:
Wann habe ich zuletzt die Zeit vergessen – nicht weil ich abgelenkt war, sondern weil mich etwas vollständig in seinen Bann gezogen hat? 
Worüber spreche ich mit Leidenschaft, ohne dass mich jemand darum gebeten hat? 
Was würde ich auch dann noch tun, wenn es mich etwas kostet – Zeit, Energie, Überwindung?

Weiterführende Literatur:

Hartmut Rosa: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016.

Die im Beitrag dargestellten Gedanken zu Resonanz und Entfremdung orientieren sich an den Arbeiten des Soziologen Hartmut Rosa.

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